Zwangsarbeiterlager in Mürzzuschlag und Hönigsberg
Schulprojekt: Erinnerungsbank Standort Vorplatz Pfarre Hönigsberg
Im Schuljahr 2025/26 widmeten sich die Schülerinnen und Schüler der 7. Klassen des Herta-Reich-Gymnasiums Mürzzuschlag einem besonderen regionalhistorischen Forschungsprojekt. Gemeinsam mit ihren Lehrerinnen Lydia Troppacher und Anja Hörzer erforschten sie die Geschichte der Zwangsarbeiterlager in Mürzzuschlag und Hönigsberg während des Zweiten Weltkriegs. Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem Wintersportmuseum Mürzzuschlag. Unterstützt wurde die Forschungsarbeit von der Historikerin Barbara Holzheu, organisiert und fachlich begleitet von der Regionalhistorikerin Barbara Habermann.
Über das gesamte Schuljahr hinweg arbeiteten die Schülerinnen und Schüler mit historischen Quellen aus dem regionalhistorischen Archiv des Wintersportmuseums und mit Nachlässen. Sie sichteten Dokumente, Pläne und Fotografien und führten Interviews mit Zeitzeugen. Dadurch erhielten sie nicht nur Einblicke in historische Zusammenhänge, sondern auch in persönliche Lebensgeschichten und Erinnerungen.
Um die Geschichte der Zwangsarbeiterlager zu verstehen, beschäftigten sich die Jugendlichen zunächst mit der Entwicklung des Unternehmens Bleckmann bzw. Schoeller-Bleckmann. Die Firma wurde 1862 von Heinrich Bleckmann gegründet und fusionierte 1924 mit der Firma Schoeller aus Ternitz. Der Stahlverarbeitungsbetrieb entwickelte sich neben der Eisenbahn zum wichtigsten Arbeitgeber der Region und prägt die Wirtschaftsgeschichte Mürzzuschlags bis heute. Das weitläufige Werksgelände erstreckte sich von Mürzzuschlag bis nach Hönigsberg.
Zweiter Weltkrieg - Zwangsarbeiter
Russische Kriegsgefangene – Christian Hirsch (Besitzer des Fotos)Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1938, wurde Schoeller-Bleckmann als kriegswichtiger Rüstungsbetrieb eingestuft. Im „Südwerk“ wurden Aufbauten für Panzerspähwagen und Panzerfunkwagen hergestellt. Im Werk „Phönixit“ produzierte man Hartmetallwerkzeuge für die Rüstungsindustrie. Mit der Ausweitung der Kriegswirtschaft verschärfte sich ab 1942 der Mangel an Facharbeitern. Dieser wurde zunehmend durch Frauen sowie Fremd- und Zwangsarbeiter ausgeglichen.
Vor allem nach der Besetzung der Ukraine und anderer sowjetischer Gebiete kamen sogenannte Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen nach Mürzzuschlag. Sie mussten besondere Kennzeichen tragen, die sie als „Ostarbeiter“ auswiesen, und wurden bewusst von der einheimischen Bevölkerung getrennt untergebracht. Die sogenannten Russenlager mussten entsprechend den Vorschriften der Staatspolizei eingezäunt und bewacht werden.
Lager Standorte und Bedingungen
Im Zuge der Recherchen konnte das Projektteam mehrere Lagerstandorte identifizieren. Da die Lager in den Quellen häufig unterschiedlich bezeichnet wurden, ist ihre genaue Zuordnung nicht immer einfach.
Genannt wurden folgende Standorte:
die bereits zum Abbruch genehmigten Koloniehäuser Nr. 38 und 39, die Objekte Werkstraße 14 und 15 in Hönigsberg, das Gemeinschaftslager Mürzzuschlag und Hönigsberg (heute Vorplatz Pfarrkirche Hönigsberg), das Lager „Ganzstein“ in Mürzzuschlag (zwischen Bundesstraße und Kleingartensiedlung/Zufahrt Ziegenburg) sowie das Lager „Bauhof“ in Hönigsberg im Bereich des heutigen Feuerwehrhauses und Sportplatzes. Dort befand sich auch das Frauenlager. In einigen Plänen findet sich zudem die Bezeichnung „Lager Ziegenburg“.
Mit steigender Zahl der Fremdarbeiter wurden die Lager laufend erweitert. Im Dezember 1942 beantragte Schoeller-Bleckmann im Rahmen des Programms „Südwerk 300“ die Errichtung weiterer Baracken. Die Anlage stand im Zusammenhang mit dem Adolf-Hitler-Panzerprogramm und wurde als besonders dringlich eingestuft, weshalb sogar um Nachsicht bei Bauvorschriften ersucht wurde.
1943 wurde das Lager Ganzstein neu errichtet und das Lager Hönigsberg erweitert. Im selben Jahr trafen auch griechische Gefangene in den Lagern ein. 1944 erfolgte eine weitere Aufstockung der Lagerbelegung in Mürzzuschlag/Lager Ganzstein und Hönigsberg. Die Lebensbedingungen waren äußerst schwierig. Die Menschen lebten auf engstem Raum zusammengepfercht, die sanitären Einrichtungen waren vielfach unzureichend. Ein besonders tragisches Ereignis ereignete sich bei einem Tieffliegerangriff am 26. Februar 1945 auf das Barackenlager in Hönigsberg. Dabei verloren 26 Ostarbeiter ihr Leben, drei Personen galten als vermisst und acht Verletzte mussten ins Krankenhaus Mürzzuschlag eingeliefert werden.
Das Schulprojekt machte deutlich, wie eng die regionale Industriegeschichte mit dem System der nationalsozialistischen Zwangsarbeit verbunden war. Gleichzeitig zeigte die Forschungsarbeit der Schülerinnen und Schüler, wie wichtig die Auseinandersetzung mit der lokalen Geschichte für das Verständnis der Vergangenheit ist. Die Beschäftigung mit den Schicksalen der betroffenen Menschen trägt dazu bei, Erinnerung wachzuhalten und historische Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.
Ein herzliches Dankeschön an die Sponsoren!
Quellen:
Nachlass Helmut Brenner
Buch „Im Schatten des Phönix“ von Helmut Brenner, Wolfgang Nagele, Andrea Pühringer 1983
Stahlmuseum Ternitz – Archiv Aufbereitung Gabriele Haider
Regionalhistorisches Archiv WinterSportMuseum
Zeitzeugen: Rudolf Rabitsch, Heinz Veitschegger, Karl Pimeshofer
Regionalhistoriker: Heinz Veitschegger, Christian Hirsch, Franz Rosenblattl, Hannes Brandl





